Im erwarteten Börsenprospekt von Anthropic wird davor gewarnt, dass die KI-Modelle des Unternehmens „katastrophale oder existenzielle Risiken für die Menschheit“ bergen könnten. Investoren sehen sich jedoch auch mit unmittelbareren Unsicherheiten konfrontiert: Könnte KI die Schutzrechte des geistigen Eigentums untergraben, auf denen kommerzielle Software beruht, und könnte Anthropic selbst durch die Technologie Schaden nehmen, zu deren Weiterentwicklung das Unternehmen beigetragen hat?
Die Umwälzungen haben bereits Softwareunternehmen getroffen. Seit Anfang 2025 ermöglichen Tools wie OpenAIs Operator und Anthropics Claude Code, Programme mithilfe natürlichsprachlicher Anweisungen zu erstellen – eine Praxis, die als „Vibe Coding“ bekannt ist. Später führte Anthropic spezielle Erweiterungen für seinen Agenten Claude Cowork ein, die auf rechtliche, regulatorische und kommerzielle Aufgaben ausgerichtet sind. Diese Entwicklungen trugen zu einem starken Rückgang der Aktien von Software-as-a-Service-Unternehmen bei, der als „SaaSpocalypse“ bezeichnet wurde.
Neuere KI-Fähigkeiten wecken eine weitere Sorge: Modelle könnten bestehende Programme dekompilieren, zurückentwickeln und kopieren. Asha Sharma, Vorstandsvorsitzende von Microsoft Xbox, sagte Mitarbeitern, Spiele seien kürzlich auseinandergenommen und rasch so neu erstellt worden, dass sie auf Geräten laufen, für die sie ursprünglich nicht entwickelt worden waren. Sie sagte außerdem, große Spiele seien in den Quellcode anderer Titel eingearbeitet worden.
Wenn sich proprietäre Software mithilfe von KI leicht reproduzieren lässt, könnten Unternehmen Schwierigkeiten haben, für Produkte Geld zu verlangen, die faktisch nicht mehr ausschließbar sind. Das würde Geschäftsmodelle bedrohen, die auf Abonnements und dem Verkauf einzelner Softwareprodukte beruhen. KI könnte zudem Schwachstellen in bestehendem Code aufdecken. Dieselben Tools könnten allerdings auch dabei helfen, Sicherheitslücken zu erkennen und zu beheben – möglicherweise mit erheblichen Kosten und inmitten eines schwierigen Übergangs.
Die Erfahrungen der Musikindustrie nach dem Aufkommen der MP3-Technologie und von Napster bieten einen Vergleich. Digitale Musik ließ sich kostengünstig vervielfältigen und einfach online teilen, was weitverbreitete Piraterie zur Folge hatte. Plattenfirmen verklagten Napster; das Unternehmen ging 2001 bankrott. Die rechtlichen Schritte verhinderten jedoch keine tiefgreifende Umstrukturierung der Branche. Etablierte Unternehmen wie EMI und PolyGram verschwanden, während Plattformen wie Spotify und YouTube entstanden.
Diese Geschichte gibt keinen klaren Hinweis darauf, welche Softwareunternehmen letztlich erfolgreich sein werden. Napsters auf Wachstum ausgerichteter Ansatz scheiterte, während Apples früher Versuch, digitale Musik ähnlich wie physische Alben zu verkaufen, schließlich Abonnement- und werbefinanziertem Streaming wich. Es dauerte etwa ein Jahrzehnt, bis sich Streaming als nachhaltiges Modell etablierte. Das legt nahe, dass Investoren vorsichtig sein sollten, wenn sie darauf setzen, dass sich eine einzelne Strategie durchsetzt.
Anthropic ist außerdem mit Urheberrechtsklagen konfrontiert, die darüber entscheiden könnten, wo die Grenzen für den Einsatz von KI bei der Reproduktion von Closed-Source-Software liegen. Dem Artikel zufolge könnte das Risiko für das Unternehmen deutlich größer sein als für Napster, falls Gerichte entscheiden, dass das Klonen proprietärer Programme geistige Eigentumsrechte verletzt.
Es gibt noch einen weiteren Unterschied: KI-Modelle können gegen die Unternehmen eingesetzt werden, die sie entwickeln. Chinesische Unternehmen entwickeln bereits US-Modelle zurück und veröffentlichen Open-Source-Versionen. Damit stellen sie die Annahme infrage, eine abgeschottete, exklusive KI-Spitzenposition könne dauerhaft eine Wertquelle bleiben. Für Investoren, die Anthropic in Betracht ziehen, lautet die zentrale Frage, ob das Unternehmen vermeiden kann, selbst zum Opfer der Umwälzungen zu werden, die es mit vorantreibt.
Quellen: El País Economía.