Viele brasilianische Unternehmen und Investmentmanager verschieben neue Projekte, während sie auf Einzelheiten zu Präsident Luiz Inácio Lula da Silvas vierter Amtszeit warten, darunter die Ernennung eines Finanzministers und die Wirtschaftspolitik der Regierung. Der Aufschub folgt auf eine heftige Marktreaktion auf Lulas Wahlsieg: In der vorangegangenen Woche fiel der Aktienmarkt um 18 %, während der Dollar laut dem Bericht um 9 % zulegte.
Es gibt keine Zahlen dazu, wie weit verbreitet diese abwartende Haltung ist. Unternehmensführer, Ökonomen und Berater erklärten der Zeitung Folha jedoch, dass die Unternehmen ihren Tagesbetrieb aufrechterhalten, Investitions- und Expansionspläne aber aufschieben – insbesondere dort, wo eine Finanzierung erforderlich ist. Ricardo Lacerda, Gründer und CEO der Investmentbank BR Partners, sagte, einige Projekte seien praktisch zum Stillstand gekommen.
Die Reaktion unterscheidet sich je nach Branche. Cláudio Frischtak, Leiter der Infrastrukturberatung Inter.B, sagte, langfristig orientierte Investoren könnten sich weiterhin bietende Chancen verfolgen, doch aufgrund der hohen Zinsen seien weniger Projekte finanziell tragfähig. Er warnte außerdem, dass die Unsicherheit Investoren dazu veranlassen könnte, Länder mit berechenbarerer Politik zu wählen.
Analysten beobachten sowohl die Finanzpläne der Regierung als auch, ob angekündigte Maßnahmen umgesetzt werden. João Machado, leitender Ökonom bei S&P Global Market Intelligence, sagte, der Markt werde beide Aspekte im Blick behalten. Die kommende Regierung steht vor hohen Zinsen und einer hohen Staatsverschuldung, geringerem Wachstum und Inflationsdruck. Zugleich könnten Wahlversprechen die Ausgaben 2027 Schätzungen zufolge um 40 bis 50 Milliarden R$ erhöhen, so Alexandre Andrade von der Unabhängigen Fiskalinstitution des Senats.
Dem Bericht zufolge sehen die Finanzmärkte derzeit kein Risiko, dass Brasilien zahlungsunfähig wird. Der fünfjährige Credit Default Swap des Landes lag am Donnerstag bei rund 135 Punkten und damit weit unter den etwa 2.000 Punkten, die 2002 verzeichnet wurden, als Lula erstmals zum Präsidenten gewählt wurde.
Die Haushaltslage bleibt für die Investitionsaussichten entscheidend. Die Ausgaben des Bundes beliefen sich von Januar bis September auf 1,9 Billionen R$ – ein inflationsbereinigter Anstieg von 5,4 % gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Einnahmen stiegen um 6,5 %. Das Primärdefizit, bei dem die Zinszahlungen nicht berücksichtigt werden, betrug 90,2 Milliarden R$. Die Bruttostaatsverschuldung erreichte im September laut den im Bericht zitierten Zahlen 82,9 % des BIP.
Hohe Kreditkosten belasten auch Haushalte und Unternehmen. Im August waren 82 % der Familien verschuldet, während 9,3 Millionen Unternehmen überfällige Verbindlichkeiten in Höhe von insgesamt 244,4 Milliarden R$ hatten, wie aus Daten von Serasa Experian hervorgeht. Von Folha zitierte Ökonomen sagten, eine Verbesserung der Haushaltslage sei nötig, damit die Zinsen sinken könnten. Sie warnten, dass ein anhaltender Schuldenanstieg die Risikoprämien erhöhen könnte, die Investoren für das Halten brasilianischer Staatsanleihen verlangen.
Einige Fachleute, darunter Ökonomen außerhalb des traditionell eher orthodoxen Lagers, haben Änderungen bei den Staatsausgaben gefordert. Nelson Marconi, der an der Ausarbeitung der wirtschaftspolitischen Wahlprogramme von Ciro Gomes für die Präsidentschaftswahlen 2018 und 2022 mitwirkte, schlug unter anderem Änderungen an der Regel zur Anpassung des Mindestlohns und eine künftige Reform des Rentensystems vor. Vorerst liegen die Entscheidungen von Unternehmen und Investoren weitgehend auf Eis, während sie darauf warten, dass die Regierung ihre Richtung erkennen lässt.
Quellen: Folha Mercado.